Propaganda im Trivialroman. Die »Schwarze Schmach« am Rhein.

Joseph Kebe-Nguema

Wenn Schwarze Menschen Eingang in die deutsche Geschichte finden, liegt der Fokus dabei überwiegend auf der Kolonialzeit – und eigentlich immer außerhalb der deutschen Grenzen. Auf dem geografischen Gebiet des heutigen Deutschland erscheinen sie zumeist erst nach dem 2. Weltkrieg in Gestalt afroamerikanischer Besatzungssoldaten. Dass es bereits zwischen dem 1. Weltkrieg und der NS-Zeit sowie außerhalb des Kontextes der Völkerschaustellungen[1] Schwarze Menschen in Deutschland gab, wird heutzutage immer noch kaum thematisiert: es handelt sich um Schwarze französische Soldaten, die im Rahmen der französischen Rheinlandbesetzung nach Deutschland kamen. Dabei wurde ihre Anwesenheit damals medial und politisch als ›Schwarze Schmach am Rhein‹ angeprangert. Heute, ca. 100 Jahre später, lässt sich feststellen, wie folgenschwer die ›Schwarze Schmach‹-Kampagne war. Obwohl sie grundlegend zur Verbreitung und Etablierung diskriminierender Gender- und Racebilder in Deutschland beigetragen hat, ist sie im Laufe der Zeit stark in Vergessenheit geraten. Doch wie entstand diese Kampagne und auf welche Bilder nahm sie Bezug?

Deutschland zwischen Kriegen, Kolonien und Nationalismus

Als Folge des Versailler Vertrages, der nach Ende des 1. Weltkriegs zwischen den Siegermächten und Deutschland geschlossen wurde, verlor Deutschland ein Siebtel seiner Gebietsfläche in Europa und alle seine Kolonien. Infolgedessen wurde das Rheinland u. a. von Frankreich besetzt (vgl. El-Tayeb, Schwarze Deutsche, S. 158). Der Erzfeind Deutschlands galt als Kolonialkonkurrent, der nunmehr Kamerun und Togo – zwei verlorene deutschafrikanische ›Schutzgebiete‹ –, zusammen mit Großbritannien verwaltete (vgl. Viera, Kolonien im Blickfeld von heute, S. 71). Durch sein Kolonialreich konnte Frankreich zudem auf Kolonialtruppen zurückgreifen. Die Besetzung deutscher Gebiete durch Schwarze Menschen wurde im Kontext der eigenen kolonialen Tradition als besonders schwere Demütigung empfunden und als Gefahr für die weiße Welthegemonie dargestellt (vgl. Schnee, German Colonization Past and Future, S. 100). Als Reaktion wurde in Deutschland und im Ausland[2] die Hetzkampagne gegen die sogenannte ›Schwarze Schmach‹[3] am Rhein gestartet, die vor allem auf die vermeintlichen[4] Gräueltaten der Kolonialsoldaten Frankreichs fokussierte. Erwähnenswert ist, dass nur eine Minderheit unter den Kolonialsoldaten aus heutiger Sicht als Schwarz gelesen würde (vgl. Marks, »Black Watch on the Rhine«, S. 298)[5]. Die Kampagne hatte das politische Ziel, eine Revision des Versailler Vertrags zu erwirken und der Stationierung nicht-weißer Truppen auf deutschem Boden ein Ende zu setzen (vgl. Martin, »Schwarze Pest«, S. 70). Diese Besessenheit in Bezug auf Schwarze Soldaten war kaum überraschend. Bereits im Laufe des 1. Weltkrieges erhielten deutsche Truppen – auf dem europäischen Kriegsschauplatz[6] – Sonderprämien bei Gefangennahme eines Schwarzen Soldaten (vgl. New York Times, 26.1.1919, zit. nach Nelson, Victors Divided, S. 64). Auch im Rahmen der Friedensverhandlungen wurde betont, dass insbesondere die Anwesenheit Schwarzer Truppen auf deutschem Boden seitens der deutschen Regierung unerwünscht war (vgl. Nelson, Victors Divded, S. 64). Deren Präsenz wurde als Vorbote des europäischen Untergangs gelesen. Der nationalsozialistisch eingestellte Journalist Adolf Viktor von Koerber zitierte beispielsweise die Aussage eines anonymen Redakteurs aus Bonn: »›Durch seine hierher eingeschleppten Massenheere Schwarzer wird Frankreich der Totengräber der ganzen weißen ›Rasse‹.‹« (o. A., von Koerber, Bestien im Land, S. 76) Die Kampagne beschränkte sich, wie man aus heutiger Perspektive irriger Weise glauben könnte, nicht auf rechte Kreise: Auch die SPD nahm unleugbar daran teil (vgl. o. A., »Fort mit den Schwarzen!«, S. 1)[7]. Diese Befehdung  wurde international in Zeitschriften, Schulbüchern, Theaterstücken und sogar in Filmen ausgetragen (vgl. Wigger, ›Schwarze Schmach‹, S. 13). Auch nach dem Abzug der Kolonialtruppen im Laufe der 1920er-Jahre wurde sie bis in die NS-Zeit fortgesetzt.
     Insbesondere in der Trivialliteratur fand sie zu Beginn der 1920er-Jahre ihren Niederschlag. Die weiß-deutschen Hauptfiguren werden darin als deutschlandliebende Heldinnen inszeniert, während Kolonialtruppen als sexuelle, geografische und biologische Gefahr fürs Deutschtum konstruiert sind. Mit anderen Worten: Die Charaktere werden antagonistisch so aufeinander bezogen, dass es die geografischen Fronten und Konflikte sowie rassifizierte Vorstellungen vom »Recht auf Raum« widerspiegelt und stärkt. An den drei Romanen Freiwild am Rhein (1922), Elisabeth (1923) und Grenzlandjugend (1934) wird diese Erzählstrategie und wie sie die Figuren und Gebiete über Moral verbindet analysiert.

Deutsche Frauen und Mädchen als Allegorie Deutschlands

 Was können wir von dieser Jugend erwarten? Nichts als Entartung! Ein krankes Geschlecht ist’s und hohnlachend wird die französische Nation auf die Bevölkerung links des Rheines schauen, die aus französischer Schande, schwarzer Schmach, Notzucht und Erpressung entsprossen, in der französischen Schreckenskammer aufgewachsen ist. (Trott, Freiwild am Rhein, S. 13) 

Sprecherin dieser hasserfüllten Worte ist Waltraut Steffen, blonde Tochter eines rheinischen Fabrikbesitzers und Hauptfigur des Romans Freiwild am Rhein. Ein Hauptmerkmal aller drei ›Heldinnen‹ der im folgenden untersuchten Werke ist, neben ihrer Blondheit, ihre Deutschlandliebe und Ablehnung der französischen Besatzung bzw. der ›Schwarzen Schande‹: Ihr Handeln und Tun wird durch ihren Nationalismus bestimmt. Das lässt sich auch am Roman des deutschjüdischen Autors Artur Landsberger Elisabeth und seiner gleichnamigen Hauptfigur feststellen. Die aus wohlhabender Familie stammende gebürtige Berlinerin hält sich in Baden-Baden auf und wirbt dort angesichts der französischen Okkupation für eine klassenlose deutsche Einheit: »Des einzelnen Leid muß jeder als das Leid des Ganzen fühlen. Ein Leid, ein Volk, ein Wille! – Dahin müssen wir kommen« (Landsberger, Elisabeth, S. 66). Zu dieser Erkenntnis kommt sie allerdings erst, nachdem sie die französische Fremdherrschaft erlebt hat. Sie schreibt dazu: »Hier zum ersten Male hatte ich das Gefühl, daß in dem Franzosen und seinen Schwarzen kein Einzelindividuum vor mir stand. Das, was ich sah und was vorging, war der Ausdruck des Charakters eines Volkes, dem nicht anzugehören ich froh bin.« (a.a. O., S. 89) Dass Elisabeth ausgerechnet für eine ›klassenlose‹ Gesellschaft wirbt, soll als Kritik der kommunistischen Einstellung ihres Bruders verstanden werden. Wie komplex die Verstrickung von Nationalismus und Schwarzenfeindlichkeit sind und wie früh dem Gedankengut des Nationalsozialismus bereits der Weg geebnet wurde, zeigt sich in diesem Roman erschreckend anschaulich – und auch, wie Betroffene von Diskriminierung sich selbst diskriminierend äußern können. Einen besonderen Fall stellt innerhalb des Dreigestirns Karola Krug dar. Bei dieser Figur aus dem Roman Grenzlandjugend handelt es sich um die verwaiste Tochter eines in Frankreich gefallenen Arztes, die sich einer Bande Halbwüchsiger in Mainz anschließt. Die Gruppe setzt es sich zum Ziel, Deutschland sowohl innerlich als auch äußerlich von der Fremdherrschaft zu befreien[8] (vgl. Grosch, Grenzlandjugend, S. 69). Alle drei Heldinnen lehnen nicht nur Frankreichs Besatzung ab, sie entstammen auch alle bürgerlichen bzw. höheren gesellschaftlichen Kreisen und entsprechen den völkischen Schönheitsstandards.
     Ihre Abstammung und ihr Nationalismus sollen ihre Respektabilität hervorheben, was sich daran zeigt, dass sich in den Texten hauptsächlich nicht-nationalistisch eingestellte Frauen auf weiße Franzosen einlassen (vgl. El, S. 288; GJ, S. 91) bzw. Frauen aus bescheidenen Verhältnissen gegen Bezahlung mit den Kolonialsoldaten verkehren (vgl. Fr, S. 14). Erstere werden in den Erzählungen beinahe wie vom Schicksal bestraft: Die hinterlistigen weiß-französischen Offiziere, die nicht-nationalistische Frauen verführt haben, sind entweder grausam oder untreu, während Letztere diffamiert werden und ihren guten Ruf einbüßen. Die intendierte Aussage der völkischen bzw. kolonialistischen Trivialliteratur ist:


 

Wer mit Nichtdeutschen verkehrt, soll letztendlich darunter leiden. Entgegen der historischen Realität (vgl. Wigger, »Schwarze Schmach«, S. 122) werden zudem Liebesbeziehungen zwischen weiß deutschen Frauen und Kolonialsoldaten als französisches Manöver beschrieben, die Deutschlands Image im Ausland schaden sollen, so Waltraut (vgl. Fr, S. 59). Man kann diesen Beispielen entnehmen, dass die Heldinnen im Kontrast zu den als ideologisch weniger überzeugt gezeichneten Nebenfiguren als Vorbilder inszeniert werden.
     Ihr Ehrgefühl als deutsche Frauen wird als sakrosankt dargestellt: Sie unterwerfen sich nur weiß-deutschen Männern, sind sich ihrer überlegenen Stellung in der Rassenhierarchie bewusst und scheuen sich – wie z. B. Elisabeth – auch nicht davor, Kolonialsoldaten selbst mit der Peitsche ihre moralischen wie physischen Grenzen aufzuzeigen (vgl. <El>, S. 112). Auch die Annäherungsversuche weiß-französischer Offiziere lehnen sie – anders als die ideologisch weniger beispielhaften Nebenfiguren – entschlossen ab, was die von der Kampagne eingeforderte Wehrhaftigkeit des Deutschen Reiches an seiner Grenze zu Frankreich und der weißen Bürgerinnen gegenüber den Kolonialsoldaten widerspiegelt. Auch wer in diesen Erzählungen – entgegen dem eigenen Willen – Opfer von Missbrauch wird, wird dadurch entehrt. Deshalb nehmen sich sowohl Waltraut als auch Elisabeth am Ende der Romane das Leben, als jeweils ein französischer Offizier versucht, sich an ihnen zu vergehen (vgl. Fr, S. 113; El, S. 327). Ihre Freitode ermöglichen es, ihr Ansehen wiederherzustellen und sie als Märtyrerinnen zu verehren, die sich an den moralischen Grenzen des deutschen Nationalismus für die sogenannte weiße ›Rasse‹ und das dazugehörige Vaterlandsgebiet geopfert haben. Und während weiße Franzosen als verkommene, sadistische und lüsterne Wesen entworfen werden, die ihre angeborene – auch moralisch hochstehende – Gemeinsamkeit des Weißseins mit den Protagonistinnen übersehen, werden all die Untugenden der Kolonialsoldaten als angeboren konstruiert.

 ›Schwarze Bestien‹

Bereits die bloße Anwesenheit Schwarzer Soldaten auf rheinischem Boden soll die von ihnen dargestellte gesellschaftliche, biologische und geografische Gefahr hervorheben. Besonderer argumentativer Fokus liegt in den Erzählungen auf den ihnen zugeschriebenen sexuellen Ausschreitungen. In allen drei Texten erfährt man, dass sie weiß-deutsche Frauen und Kinder missbrauchen (vgl. z. B. Fr, S. 24; El, S. 92; GJ, S. 195). Dies greift einen Topos von anti-Schwarzem Rassismus auf, der seit mehreren Jahrhunderten existiert. In seiner Studie über Schwarze Männer stellt Tommy J. Curry fest, dass die ihnen zugewiesene sexuelle Hauptgefahr für weiße Frauen historisch großen Raum einnimmt. (Curry, The Man-Not, S. 6) Die textuelle Fixierung auf das Schwarzsein derjenigen, die ›deutschen Boden‹ bedrohen, zeigt sich überdeutlich in Zitaten wie diesem:

›Es geht um die Existenz der weißen Rasse, es geht um die Reinheit der deutschen Frau, – wir wollen nicht schweigend dulden, dass künftig an den Ufern des Rheins statt deutscher Lieder die krächzender Laute niederstirniger, plumper, halb tierischer, syphilitischer ›Mulatten‹ ertönen!‹ (Fr, S. 27–28)

Diese Aussage Waltrauts kann als Vorwegnahme der künftigen NS-Rassenlehre gelesen werden: »Die [Frauen] sind Trägerinnen der ›Rasse‹. Nur wenn sie sich den Gesetzen der Arterhaltung beugen, wird ein rassereines, starkes Volk erstehen.« (Frobenius, Die Frau im Dritten Reich, S. 38) Man kann diesen Beispielen entnehmen, dass die weiß-deutsche Frauenwelt, die in den untersuchten völkischen Erzählungen als rein konstruiert wird, von Männern aus dem afrikanischen Erdteil bedroht wird. Darüber hinaus meint Waltraut, dass die – schon zur Kolonialzeit angeprangerte – ›Rassenmischung‹[9] angeblich auch zur ›Verwilderung‹ führe. Dieser Logik zufolge resultiert aus solchen Beziehungen nicht nur ein ›krankes‹ Geschlecht, sondern auch der Untergang der deutschen Lebensart und des sogenannten ›Abendlandes‹.
     Überdies werden Schwarze Männer in der vorigen Aussage Waltrauts als krank und minderwertig dargestellt und in ihrem Schwarzsein animalisiert – ähnlich den anderen Texten, in denen sie mit »Affen« verglichen und ihnen so das Menschsein abgesprochen wird. (Vgl. El, S. 296; GJ, S. 116) Dadurch, dass die Schwarzen Soldaten als Unterlegene und ›Bestien‹ diffamiert werden, kann die Tatsache, dass sie Macht über ein ›Kulturvolk‹ ausüben – sie selbst werden in dieser Ideologie als sogenanntes ›Naturvolk‹ deklariert –, als ›Schande‹ dargestellt werden. Ein weiteres Hauptmerkmal der Kolonialsoldaten in den untersuchten Werken ist zudem ihre Namenlosigkeit. Es trägt zum einen zu einer weiteren Entmenschlichung bei, die an die Gleichsetzung mit Tieren anschließt. Zum anderen macht diese Entindividualisierung sie zur homogenen Masse, die dazu verleitet, exemplarisch von einem Individuum auf die gesamte Gruppe zu schließen: Was von einem Schwarzen Mann begangen wird, kann von allen Schwarzen Männern reproduziert werden, weshalb es diese Gefahr zu beseitigen gilt. Solche Schwarzenfeindlichen und entmenschlichenden Konstruktionen sind bis heute überaus folgenschwer.

 Folgen der Kampagne

There will be white mythologies, invented Orients, invented Africas, invented Americas, with a correspondingly fabricated population, countries that never were, inhabited by people who never were […] but who attain a virtual reality through their existence in travelers’ tales, folk myth, popular and highbrow fiction, colonial reports, scholarly theory, Hollywood cinema, living in the white imagination and determinedly imposed on their alarmed real-life counterparts. (Mills, The Racial Contract, S. 18–19)

 Die ›Schwarze Schmach‹- oder auch ›Schwarze Schande‹-Kampagne illustriert diese Aussage nicht nur, sie ist ein Zeugnis für die gravierenden, langanhaltenden Folgen von kolonialrassistischem Gedankengut und dessen Propaganda. Schwarze Deutsche fehlen als Figuren in den untersuchten Romanen, weil Deutschsein und Schwarzsein biologisch und moralisch als unvereinbar gelten. Schwarze Franzosen hingegen werden bewusst eingesetzt und als solche benannt, um über sie ein Feindbild zu nähren und zugleich eigene Gebietsansprüche zu legitimieren. Für die Lebensrealität von Schwarzen Menschen in Deutschland hatte das damals und bis heute schwere Folgen: Aus der Kampagne resultierten gewalttätige Überfälle auf afrodeutsche Männer, weil sie für Schwarze Franzosen gehalten wurden (vgl. El-Tayeb, Schwarze Deutsche, S. 162). Dass die Kampagne auch im NS-Deutschland fortgesetzt wurde, ist angesichts der Erbfeindschaft mit Frankreich und der Tatsache, dass Juden:Jüdinnen aus NS-Sicht für die Anwesenheit Schwarzer Menschen im Rheinland verantwortlich waren, (Hitler, Mein Kampf, S. 357) kaum verwunderlich.[10] Ab 1937 erfolgte die Zwangssterilisierung von Kindern, die aus Beziehungen zwischen weiß-deutschen Frauen und französischen Kolonialsoldaten hervorgingen, bevor die Maßnahme auf andere Afrodeutsche erweitert wurde (El-Tayeb, Schwarze Deutsche, S. 188; S. 199).[11]
     Aus der Literatur und den brutalen Übergriffen auf Schwarze Menschen, die aus dieser Kampagne resultierten, wird deutlich, wie Nationalismus Gebietsansprüche über hierarchische Gefälle zwischen rassifizierten Personengruppen rechtfertigt – und wie sehr Schwarzenfeindlichkeit bzw. Rassismen an die Moralisierung von Sexualität und die Angst vor einer folgenschweren ›Überfremdung‹ rückgebunden sind. Die Schädlichkeit dieses Gedankenguts wirkt bis heute, wenn an entmenschlichende Generalisierungen dieser Erzählungen angeknüpft wird: Sie äußert sich etwa in der Vertierung nicht-weißer Menschen und dem Verweis auf ihre vermeintlich angeborene ›Unterlegenheit‹, beispielsweise wenn es darum geht, sogenannte Leitkulturen zu rechtfertigen. Bis heute resultieren daraus tätliche und verbale Übergriffe auf Schwarze Deutsche, die trivialisiert werden, weil die Betroffenen seit jeher als ›Fremdkörper‹ im deutschen Land wahrgenommen werden[12]. Und sie wird genutzt, um die grausame Asylpolitik gegenüber dem Globalen Süden zu rechtfertigen.

[Besonderer Dank gilt Nzâme e yô, Henriette Hufgard und Coraly von Welser; Diana Bonnelamé und Dagmar Seck gewidmet]

[1] Darunter versteht man unter anderem »Menschenzoos«. Carl Hagenbeck war beispielsweise involviert. (Hund, Wie die Deutschen weiss wurden, S. 100; S. 103).
[2] Die ›Schwarze Schmach‹ wurde z. B. in Großbritannien, den USA, Italien, Schweden usw. … angeprangert (vgl. Wigger, Die ›Schwarze Schmach‹ am Rhein, S. 34; S. 142).
[3] Auch als ›Schwarze Pest‹ oder ›Schwarze Schande‹ bezeichnet (vgl. Alexander, Die schwarze Pest in Deutschland!, S. 1; Wigger, ›Schwarze Schmach‹, S. 11).
[4] »In 1923, an American investigator toured the occupied territories and Frankfurt, offering money for proof of barbarity, but obtained none.« (Marks, »Black Watch on the Rhine«, S. 302–303).
[5] Das erklärt Priscilla Layne wie folgt: »[…] at that moment Blackness did not refer to a particular skin tone, but rather was meant to signify difference, inferiority, and dangerous sexuality.« (Layne, »Decolonizing German Studies«, S. 91). Dass das (konstruierte) Schwarzsein hervorgehoben wurde, lag an der deutschen Propaganda, so Sally Marks (Marks, »Black Watch«, S. 298). Der Großteil der französischen Kolonialtruppen stammte nämlich aus Nordafrika (Ayim/Opitz, »Afrikaner/innen und Afro-Deutsche in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus«, S. 66).

 

[6] Die deutschen Kolonialtruppen haben bekanntlich während des 1. Weltkrieges die britischen Truppen, wie z. B. in Tanganjika in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) bekämpft und der Großteil des dortigen deutschen Kontigents bestand aus den sogenannten Askari (vgl. Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, S. 169).
[7] Auch lange nach dem Abzug der Senegaltruppen Frankreichs – dieser erfolgte bereits im Juni 1920 (vgl. Wigger, ›Schwarze Schmach‹>, S. 10 ) – berief sich die SPD-Reichstagsfraktion auf ihren damaligen Beitrag, um zu beweisen, dass sie, durch Reichskanzler Hermann Müller, vielmehr als die NSDAP geleistet hatte, um »deutsche Frauen und Mädchen im ehemaligen besetzten Gebiet« vor Sexualgewalt der aus dem Senegal stammenden Truppen zu schützen. (Reichstag (Hg.): »5. Und 6. Sitzung. Sonnabend den 18. und Sonntag den 19. Oktober 1930«, S. 133.) 
[8] Dabei leisten sie im Laufe der Erzählung keinen bewaffneten Widerstand, sondern zeichnen sich großenteils durch ihren jugendlichen Eifer aus.
[9] Über den Umgang der SPD-Reichstagsfraktion mit diesem Thema im Jahre 1912 schreibt Fatima El-Tayeb wie folgt: »Zwar griff sie den ›Herrenstandpunkt‹ der Kolonialmentalität an, betonte jedoch gleichzeitig, daß auch sie jegliche »Rassenmischung« prinzipiell ablehne.« (El-Tayeb, Schwarze Deutsche, S. 128)

[10] Im 3. Reich galten ostjüdische Männer zudem als Triebtäter, was wiederum auf ihre vermeintlich afrikanische Abstammung zurückgeführt wurde: »Zu der Charakteristik des [Schwarzen] gehört die gewalttätige und brutale Zerstörungsart und das besonders starke sexuelle Triebleben, daher auch oft die Vergewaltigung weißer Frauen.« (Ißberner-Haldane, »Rasse / Krankheit / Charakter«, o. S.)
[11] Das Ende des Nationalsozialismus bedeutete jedoch keineswegs den Schlussstrich der Marginalisierung Schwarzer Menschen im deutschen Raum. Beispielsweise behauptete 1952 die CDU-Bundestagsabgeordnete Luise Rehling, dass innerhalb der Gruppe der sogenannten »Besatzungskinder« die Schwarzen Kinder »ein menschliches und rassisches Problem besonderer Art darstellen« würden (Deutscher Bundestag, »198. Sitzung«, S. 8507).
[12] Zu Beginn des Jahres 2020 fragte sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, ob eine Schwarze Person in Deutschland jemals als »integriert« gelesen werden kann. (Bundesregierung: »Kanzlerin Merkel zur Integration in Deutschland«, o. S.).

Literaturverzeichnis

 o. A.: »Fort mit den Schwarzen«, in: Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abend-Ausgabe, 20.5.1920, S. 1.

 Alexander, Hans: Die schwarze Pest in Deutschland! Protest gegen die Schandtaten und Sittlichkeitsverbrechen der schwarzen Franzosen, Leipzig: Orla-Verlag, 1921.

Ayim/Opitz, May: »Afrikaner/innen und Afro-Deutsche in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus«, in: May Ayim / Katharina Oguntoye / Dagmar Schultz (Hg.): Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin: Orlanda, 2018 [EA 1986], S. 66-83.

Bundesregierung: »Kanzlerin Merkel zur Integration in Deutschland«, bundesregierung.de, 02.03.2020, bitly.ws/LANR, zuletzt abgerufen am 17.07.2023.

Curry, Tommy J.: The Man-Not: Race, Class, Genre, and the Dilemmas of Black Manhood, Philadelphia: Temple University Press, 2017.

 Deutscher Bundestag: 198. Sitzung, 12.03.1952.

 El-Tayeb, Fatima: Schwarze Deutsche: Der Diskurs um »Rasse« und nationale Identität 1890-1933, Frankfurt [u. a]: Campus, 2001.

Grosch, Minni: Grenzlandjugend: Erzählung aus deutscher Notzeit, Stuttgart [u. a.]: Union, 1934.

Hitler, Adolf: Mein Kampf: zwei Bände in einem Band, München: Eher, 1943 [EA 1925].

Hund, Wulf D.; Wie die Deutschen weiss wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus, Stuttgart: Metzler.

Ißberner-Haldane, Ernst: »Rasse / Krankheit / Charakter«, in: Der Stürmer No. 38 (1934), o.S.

Landsberger, Artur: Elisabeth: Der Roman einer deutschen Frau, München: Georg Müller, 1923 [EA 1922].

Layne, Priscilla: »Decolonizing German Studies While Dissecting Race in the American Classroom«, in: Regine Criser und Ervin Malakaj (Hg.): Diversity and Decolonization in German Studies, Cham: Springer International Publishing, 2020, S. 83–100.

Marks, Sally: »Black Watch on the Rhine: A Study in Propaganda, Prejudice and Prurience«, in: European Studies Review No. 3 (1983), S. 297–334.

 Martin, Peter: »›Schwarze Pest‹. Traditionen einer Diffamierung«, in: Mittelweg 36 No. 3 (1995), S. 69–81.

Mills, Charles W.: The Racial Contract, Ithaca: Cornell University Press, 1997.

Nelson, Keith: Victors Divided. America and the Allies in Germany, 1918-1923, Berkeley [u. a.]: University of California Press, 1975.

 Reichstag (Hg.): 5. Und 6. Sitzung. Sonnabend den 18. und Sonntag den 19. Oktober 1930, Berlin, 1931.

 Schnee, Albert und Dawson, William: German Colonization Past and Future. The Truth about the Gernan Colonies, London: George Allen & Unwin, 1926.

 Trott, Marga: Freiwild am Rhein: ein Roman aus dem besetzten Gebiet, Naumburg/Saale: C. A. Tancré, 1922.

Viera, Josef: Kolonien im Blickfeld von heute. Ein Lesebuch, Düsseldorf: Völkischer Verlag, 1940.

Wigger, Iris: Die »Schwarze Schmach« am Rhein. Rassistische Diskriminierung zwischen Geschlecht, Klasse, Nation und Rasse, Münster: Westfälisches Dampfboot, 2007.

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