»Europa ist ohne seine Kolonialgeschichte gar nicht denkbar. So erzählen Museen hier immer unvollständige Geschichten. Das muss sich ändern. « 

 

Interview mit Mahret Ifeoma Kupka

Mahret Ifeoma Kupka wurde in Karlsruhe zu Modeblogs und der Mythos der Revolutionierung der Mode ­promoviert und ist seit 2013 Kuratorin am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main. In Ausstellungen über zeitgenössische Moden und Stilphänomene wie »Contemporary Muslim Fashions« (2019) verknüpft sie dort die Themen Mode, Körper und Performatives. Wir haben mit ihr über Kleidung als ›zweite Haut‹ gesprochen – und darüber, wie Rassismen und Kolonialismus noch heute die deutsche Museumslandschaft prägen. Das Interview führte Pia Lobodzinski.

[kɔn]: Inwiefern ist Haut ein Thema für Sie? 
 
M.K.: Haut ist für mich auf vielen Ebenen Thema. Sehr lange Zeit war meine Haut Problemhaut. Als Kind litt ich an Neurodermitis. Auch später hatte ich immer wieder Probleme mit meiner Haut. Ich musste lernen, dass Haut und Seele zusammenhängen. Geht es mir gut, geht es meiner Haut gut und umgekehrt. Also trinke ich viel und pflege meine Haut, dass sie weich, elastisch und schön bleibt.

[kɔn]: Sie haben auf die fehlende Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus etwa in ›ethnologischen Museen‹ oder der romantisierenden Gemäldeausstellung des Kolonialmalers Wilhelm Kuhnert hingewiesen. Statt einen weißen, kolonialisierenden Blick ohne Kontextualisierung weiter auszustellen – welche Rolle können bzw. sollten Museen heute einnehmen und wie verhält sich Ihre eigene Arbeit dazu? 
 
M.K.: Mittlerweile ist sehr viel in Bewegung geraten. Es gibt spannende Projekte und Initiativen, wenn auch nicht überall und überall gleich progressiv. Museen waren schon immer politische Räume, sie sind es bis heute, selbst wenn das in vielen Institutionen komplett hinter dem Credo eines vermeintlich neutralen ›Sammelns und Bewahrens‹ zurückgetreten zu sein scheint. Museen hatten von Beginn an eine Doppelfunktion: Einerseits ­reagieren sie auf die Welt, indem eine ­Auswahl an für ­erhaltenswert erachteten Objekten durch sie bewahrt wird. Andererseits prägt diese Auswahl auch wiederum, was wir in Zukunft von der bewahrten Zeit wissen werden. Insofern ist ein Museum kein neutraler Ort, weil die Auswahl und die Art der Aufarbeitung der Dinge immer auch von den Menschen, die im Auftrag der Institution agieren, und ihren Perspektiven auf die Welt geprägt ist. Letztlich geht es also gar nicht darum, eine neue Rolle einzunehmen, sondern sich auf die Anfänge des Museums als Institution zu besinnen und die Grundfunktionen zu reflektieren, neu zu bewerten und eventuell neu zu gestalten. Sehr viele ethnologische Museen befinden sich in genau diesem Prozess, weil sich dort das Koloniale möglicherweise am deutlichsten zeigt. Aber Spuren kolonialen Denkens lassen sich ebenso in allen anderen Museumstypen finden. Mit kolonialem Denken meine ich eine spezifische Form des Auf-die-Welt-Blickens und Bewertens, das Europa in den Mittelpunkt stellt und als vom Rest der Welt abgegrenzten Solitär begreift. Beginnt man, dort die Grenzen aufzuweichen, dann machen plötzlich ­gewisse Museumstrennungen keinen Sinn mehr. ­Europa ist ohne seine Kolonialgeschichte gar nicht denkbar.

So erzählen Museen hier immer unvollständige Geschichten. Das muss sich ändern. Ich arbeite an einem Museum für Angewandte Kunst. Daher, dass nie ganz klar ist, was Angewandte Kunst überhaupt meint, sind wir als Institution in einem permanenten Reflexionsprozess.

Wir müssen uns allein deswegen, weil nicht klar ist, welchen Gegenstand wir eigentlich haben, permanent mit Funktion und Ausrichtung der Institution befassen. Ich finde diese Notwendigkeit überaus gewinnbringend, weil diese erzwungene Herangehensweise möglicher­weise der sich ständig wandelnden Welt am nächsten kommt.  

[kɔn]: Kleidung schützt als »zweite Haut« nicht nur die erste – sie erlaubt es auch durch Farben und Materialien Körper ästhetisch zu verändern. Was für Aufgaben übernimmt Mode Ihrer ­Meinung nach in unserer heutigen ­Gesellschaft und welche Aspekte interessieren Sie besonders bei Ihren Ausstellungs­konzepten?

M.K.:  Mode hat in Deutschland keine explizit gesellschaftliche Funktion, wie beispielsweise in Frankreich, wo sie staatlich verankert ist. Insofern müssen wir hier eher auf die individuelle Ebene schauen, und da wird die Funktion sehr unterschiedlich. Allgemein ist aber zu sagen, dass Kleidung – ob sie nun modeförmig ist oder nicht – uns einerseits mit uns selbst in Beziehung setzt: Wie fühlt sich der Stoff auf der Haut an, wie verändert ein Schnitt unsere Körperhaltung und unser Körperempfinden? Andererseits aber auch mit unserem Umfeld: Wie verändern sich die Reaktionen der anderen? Wie bin ich in der Lage, mir meine Umgebung anzueignen? Das sind genau die Aspekte, die ich versuche, in meinen Modeausstellungen herauszuarbeiten. 

[kɔn]: Ihre aktuelle Ausstellung »Life doesn’t frighten me. Michelle Elie wears Comme des Garçons« (2020) ist keine klassische Modeausstellung, in der die provokanten Kleider Rei Kawakubos allein im Zentrum stehen. Stattdessen verschieben Sie den Fokus auf deren Sammlerin und Trägerin, die Mode-Ikone Michelle Elie. Was steckt hinter diesem Konzept?

M.K.: In meiner aktuellen Ausstellung am Museum Angewandte Kunst habe ich mich mit einer Modesammlerin befasst. Die Sammlung selbst war dabei natürlich auch wichtig, aber spielte nicht allein die Hauptrolle. Mich interessierte vielmehr, wie die Person – Michelle Elie – sich die Stücke aneignet. Wie trifft sie die Entscheidung, welches Stück sie kauft und wie und wann trägt sie es dann? Und zuletzt: Welche Erfahrungen macht sie beim Tragen der Stücke? Im Zen­trum steht das Moment, in dem die Person Elie mit ihrer Geschichte auf das Label Comme des Garçons mit seiner Geschichte trifft. Wie tragen sich beide gegenseitig? Grundsätzlich muss das für solche Betrachtungen nicht ein so exaltiertes Modelabel wie CdG sein. Das kann man auch anhand eines weißen T-Shirts untersuchen. Aber mit CdG wird es natürlich noch mal spannender und auch ästhetisch komplexer. Michelle Elie treibt das teilweise ins sehr Extreme. Wenn sie etwa einen Tag in Paris unterwegs ist und einen Assistenten braucht, der sie begleitet, weil sie ihre Arme nicht benutzen kann und allein durch das Volumen ihres Kleides durch keine Tür passt.

 

»Aus herkömmlichen Erzählungen um Kleid, Macht und Politik fällt die Tatsache des Schwarzseins noch viel zu sehr raus.« 

[kɔn]: Mit dem Verweis auf Maya ­Angelous Gedicht »Life doesn’t frighten me« im Titel bringen Sie in Ihrer Ausstellung nicht nur drei wichtige Künstlerinnen zusammen – durch die Anspielung auf Angelous Gedicht wird zudem der Mut Elies ins Zentrum gerückt. Wie greifen Mut, Mode und Politik in Ihrer Ausstellung ineinander?

M.K.: Kleidung gibt einem die Möglichkeit, die Art, wie man in die Welt tritt und wahrgenommen wird, zu gestalten und zu beeinflussen. Insofern kann die Wahl dessen, was man anhat, einen dabei unterstützen, weniger furchtsam in die Welt zu gehen. Michelle Elie spielt mit Kleidung, sie probiert sich aus, macht dadurch unterschiedliche Erfahrungen und zeigt sich dabei teilweise auch sehr verletzlich. Sie gibt viel von sich preis und begibt sich durch das Tragen mancher Entwürfe in unmittelbare Abhängigkeit. In einer Geschichte in der Ausstellung erzählt sie, wie sie mit ihrem Partner eine Party besucht und dort ein Kleid trägt, dessen Ärmel so lang sind, dass sie ihre Hände nicht benutzen kann. Ihr Mann muss alles für sie machen: Handy und Getränke halten. Er ist cool und davon eher genervt, weil er mit seiner Frau auf der Party Spaß haben möchte und sie ihren Auftritt eher als Performance begreift. Ich denke dabei aber auch an Zeiten, in denen Kleider, die frau gar nicht ­alleine anziehen konnte, alltäglich waren. Die Türen der herrschaftlichen Häuser mussten so breit sein, damit die Damen mit ihren weiten Reifröcken durchpassten. Je opulenter der Rock, desto wohlhabender der Ehemann. Das ist doch reine Politik!

»Life doesn’t frighten me« ist aber noch auf einer anderen Ebene politisch spannend. Michelle Elie ist eine Schwarze Frau. Aus herkömmlichen Erzählungen um Kleid, Macht und Politik fällt die Tatsache des Schwarzseins noch viel zu sehr raus. Race spielt neben Gender und Class natürlich auch in der Mode eine Rolle. ­Michelle Elie arbeitete in den Neunziger­jahren als Model und hatte es nicht leicht, weil sie nicht den Standards entsprach, die gerade angesagt waren. Sie war zu klein, sie war rund an den ›falschen‹ Stellen und sie war Schwarz. Die Auftragslage für ihren Typ war begrenzt. Es war die Zeit, in der sie zum ersten Mal auf CdG traf. Sie war fasziniert, wie Rei Kawakubo Gendergrenzen überschritt und sich auch nicht besonders darum scherte, einen schönen Neunzigerjahre-Modelkörper noch schöner zu machen. Sie folgte ihrer eigenen Agenda. Michelle Elie fand dadurch zu ihrer eigenen Schönheit und lernte, mit ihrem Körper, wie er ist und wie er sich natürlich verändert, ihren Frieden zu finden. Und mit diesem Selbstbewusstsein nimmt sie sich bis heute den Raum, der nach wie vor nicht für Schwarze Frauen gemacht ist und diese kaum berücksichtigt. Sie schafft Sichtbarkeit dadurch, dass sie einfach da und sichtbar ist.

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