Fremde Gefühle in der Stegerwaldsiedlung

Marie Menke

Im Morgengrauen drohte der Plattenbau, auf Judith zu kippen. Fensterbänke stapelten sich auf Balkongeländer, stapelten sich auf Stein, stapelten sich auf Windböen. Judith wich zurück und trat in Hundekot. Das Geräusch löste Brechreiz in ihr aus. Fluchend rieb sie die Sohle ihrer Laufschuhe am Gras.

Im 4. Stock stand Timo unter der Dusche, als wäre es seine. Das Wasser rann über seinen Körper und wusste nicht, dass er zum letzten Mal dort duschte. Er wusste es aber und das war schlimm genug. Als er seinen eigenen Schweiß nicht mehr roch, ging er tropfend in die Küche und setzte Teewasser auf.

Judith blickte an der Hauswand empor und sah nichts als Entscheidungen. In der Wohnung über ihrer eigenen ging das Licht an, fremder Mann füllte einen Wasserkocher auf, Judith wurde warm. Sie wollte von Kaffee geweckt werden, von gemahlenen Bohnen, von Linas beschlagenen Brillengläsern, nur nicht von Geschrei.

Die weißen Kalkplättchen tanzten im Wasserkocher. Timo füllte ihn neu auf. Er wusste, in welcher Schublade der Entkalker war, wusste, in welchem Discounter Sanne ihn gekauft hatte, wusste, an welchem Sonntag Sanne ihn zuletzt benutzt hatte, wusste sowieso viel zu viel. Dem Wasser auf dieser Rheinseite war nicht zu trauen.

Das schlechte Gewissen schrie Sanne bei jedem Schritt nach. Da half es auch nicht, eine Stunde vor dem geplanten Klingeln des Weckers Brötchen kaufen zu gehen. Sie verließ ihre Wohnung und als es ein Stockwerk tiefer nach Spiegelei und gebratenem Speck roch, wünschte sie sich, jemand Fremdes hätte für sie gekocht.

Lina legte im 3. Stock den Pfannenwender weg und massierte sich mit beiden Händen die Schläfen. Zwischen ihnen wohnte ein Märchen von Kindergeschrei und Babybrei. In ihren Ohren klang es wohlig warm, gestern Nacht war es auf einmal zerplatzt. Wobei das nicht stimmte, plötzlich war es nicht gewesen, Lina hätte es jedoch gerne geglaubt.

Die Gänge waren leer, Sannes Schritte in ihnen zu laut, nur eine Joggerin lief auf die Pforte des Plattenbaus zu. Ausschließlich Menschen, die ihr Leben im Griff hatten, gingen um diese Uhrzeit laufen, fand Sanne. Vor lauter Respekt erschien es ihr unumgänglich, langsamer zu werden, um im richtigen Moment an der Tür zu sein und sie offen zu halten. 

Als Judith von ihrer Laufrunde zurückkehrte, kam ihr eine Nachbarin entgegen, eine Studentin, glaubte sie. Niemand sonst lachte nach Mitternacht so laut, niemand sonst brachte so viele klirrende Weinflaschen zum Altglas. Judith bedankte sich, als die Frau die Tür einen Moment offen hielt, sah die Sorglosigkeit in ihrem Gesicht und rang nach Luft.

Timo wollte ins Schlafzimmer gehen, sich auf Sanne legen, sie unter der Gewichtsdecke vergraben, seine Lippen dort, wo ihr Nacken hervorschaute. Er wollte seine Arme um ihre Schultern schlingen oder noch lieber um ihre Hüfte, sich einbilden, sie wären ein Paar, und warten, bis auch seine letzte Gehirnzelle sich belügen lassen würde.

Sanne verließ die Bäckerei und das schlechte Gewissen mit ihr. Blieb sie stehen, lag es ihr schwer wie Beton im Magen, und ging sie weiter, sprang es auf und ab. Sie hätte am Abend für Klarheit sorgen sollen, dann wäre sie am Morgen allein aufgewacht. Sanne näherte sich wieder dem Plattenbau, blickte an der Hauswand empor und sah nichts als Versprechen.

In Judiths Wohnung roch es nach Bratfett statt nach Kaffee. Die dunkelblaue Wolldecke lag mehr schlecht als recht zusammengefaltet auf der Couch, weiße Tennissocken daneben auf dem Boden, der Rucksack auf dem Sitzkissen schmutzig. Judith legte eine Schallplatte auf und drehte die Musik immer lauter, bis sie das Chaos in ihrem Wohnzimmer nicht mehr sah.

Im Treppenhaus erklang Jazzmusik. Auch nachts hörte Sanne sie durch die Wände. Dann erklang irgendwo im Plattenbau die Ballade eines Liebespaars, dem es gut gehen musste. Man musste glücklich sein, um Jazzmusik zu hören, fand Sanne, am besten glücklich verliebt. Sie schloss ihre Wohnungstür auf und legte die Brötchentüte auf den Schuhschrank.

Lina mochte weder Klaviere noch Gitarren. Lieber wollte sie morgens dem Spritzen des Bratfetts in der Pfanne lauschen. Das Spiegelei landete gerade neben dem Speck auf dem Teller, da war sie nicht mehr allein in der Küche, war sie doch seit Jahren schon nicht mehr allein in ihrem Leben, wäre sie doch vor allem gerne noch viele mehr.

Timos Luftröhre verengte sich auf ein Minimum, so vertraut waren die Geräusche in ihrer Abfolge, erst die Brötchentüte auf dem Schuhschrank, dann der Schlüssel in der Porzellanschale, schließlich die Jacke am Haken. Er wollte sich ihren Klang einprägen, aber als er in den Flur trat und sie ihn anschaute, hatte er die Reihenfolge schon vergessen.

»Du wusstest doch, dass ich keine tierischen Produkte konsumiere«, sagte Judith.

»Wenn du sagst, nur casually, dann meinst du eigentlich, gar nicht, oder?«, fragte Timo.

»Du wusstest doch, dass ich mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen kann«, sagte Lina.

Sanne schwieg.

Der Plattenbau stand jetzt still, er drohte nicht mehr zu kippen. Beton ragte in den Himmel, spießte eine Wolke auf, streckte sich zur Sonne. Irgendwo in seinem Inneren tanzte Bratfett knisternd um Eiweiß herum und auf einem Schuhschrank lag eine Brötchentüte. Ihren Inhalt würden man einfrieren müssen, nicht alle konnten zum Frühstück bleiben.

Linas Leben war ein Buch, das sie geschrieben hatte, bevor sie Judith kennen gelernt hatte. Sie wollte nicht zulassen, dass Judith ganze Kapitel umschrieb, wollte sie schon gar keine Seiten herausreißen lassen. Sie hatte sich die Mühe gemacht, Judith in ihre Geschichte zu schreiben, hatte Judiths Figur sogar mit jeder Seite mehr Gewicht gegeben. Mehr ging nicht.

»Es war wirklich schön, dich kennenzulernen«, sagte Sanne dann noch.

Auf dem Flur glaubte Timo, sich an den Kalkplättchen im Wasserkocher verschluckt zu haben. Er hustete, bis er sich selbst aushustete, und dann lag er ausgehustet im 4. Stock des Plattenbaus, wo Sanne ihn aufheben und noch mehr von ihm nehmen, noch mehr für sich beanspruchen, noch mehr aufsaugen, noch mehr von ihm kennen lernen konnte.

Judith fragte sich, warum sie ein Buch schreiben mussten, wenn eine kurze Notiz ihr gereicht hätte. Handlung brauchte sie nicht. Sie rang wieder nach Atem, die Wände ihrer Wohnung rückten näher, die Decke rutschte einige Zentimeter tiefer. Linas Anwesenheit in ihrem Leben kam zu einem Preis, aber sie hatte erst gestern Nacht erfahren, wie hoch er war.

Kaum hatte sich Timo wieder eingesammelt, da wollte er schon wegrennen. Zunächst stolperte er aber nur, schaffte es nicht mehr als ein Stockwerk tiefer, Jazzmusik drang unter einer Wohnungstür hervor. Was hätte er für einen Abend Jazzkonzert mit Sanne gegeben. Er entschied sich sicherheitshalber für den Aufzug, um sich nicht noch einmal auszuspucken.

Lina geriet ins Wanken. Sie hatte einmal versucht, das Buch allein zu schreiben, aber jetzt erschien es ihr grotesk, Judith wieder auszuradieren. Als sie sich im Bad das Gesicht wusch, surrten die Leitungen, woanders musste jemand heiß duschen. Wassertropfen auf Judiths nackter Haut, Erinnerungen brachen in Linas Kopf ein und ließen sich nicht vertreiben.

Sanne hatte sich schnurstracks unter die Dusche gestellt. Umso heißer das Wasser, desto eher wusch es ihr die Scham vor ihrer eigenen Feigheit vom Körper. Nur dem Verlangen konnte es nichts anhaben. Es hatte nicht für das mehr gereicht, um das Timo sie gebeten hatte, aber war wochenlang zu stark gewesen, um ihn nach Hause zu schicken.

Judith aß zuerst das Rührei, dann den gebratenen Speck und rümpfte nur angeekelt die Nase, weil inzwischen die ganze Küche nach dem Hundekot unter ihrer Sohle stank. Durch die offene Tür sah sie, wie Lina sich die Schuhe anzog, ihre Jacke von der Garderobe riss und zum Aufzug wankte. Judith stach noch beherzter in das tote Tier auf ihrem Teller.

Timo nahm die Frau kaum war, die in den Aufzug wankte, so verloren war er in dem Tagtraum, in dem Sanne und er ein Jazzkonzert besuchten. Er fluchte auf, weil er sich nicht mehr in solchen Gedanken verlieren durfte, und weil er laut geflucht hatte, gab er vor, Dreck unter seinen Schuhen entdeckt zu haben, damit die Fremde ihn nicht für verrückt hielt.

Die Bewohner des Plattenbaus bekamen nichts von dem Ruckeln mit, mit dem der Aufzug im Foyer aufsetzte. Lichter wurden eingeschaltet, wo Menschen hinter Jalousien aufwachten, und ausgeschaltet, wo die Sonne sich ihren Weg in die Wohnungen bahnte, in Küchen, die nach Bratfett und Hundekot rochen, und Bäder, die sich mit Wasserdampf füllten.

Timo und Lina gingen über die Pforte, er eilig stolpernd, sie benommen wankend.

Wo ihre Kinder waren, fragte er sich, sie sah aus wie eine Mutter auf dem Weg zur Schule.

Ob er später mit hochroten Wangen seinen Freunden erzählen würde, dass er bei jemandem übernachtet hatte, fragte sie sich, bestimmt benutzte er eine dieser Apps.

Sie traten ins Freie, drehten sich ein letztes Mal um und als sie an der Hauswand des Plattenbaus emporblickten, sahen sie nichts als Träume.

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