»In der Pandemie hat sich gezeigt, wie schnell sich eine Gesellschaft gegen ihre Vorzeigeminderheiten wenden kann« 

Seit 2018 machen die Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu in ihrem Podcast »Rice and Shine« Geschichten und Perspektiven vietnamesischer Menschen in Deutschland sichtbar. In dem monatlichen Podcast werden Bubble Tea und ›Vossis‹ (Viets im Osten) ebenso thematisiert wie das Verbrechen an den Geflüchteten Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân, das als erster rassistisch motivierter Mord der BRD gilt. Wir sprechen mit Minh Thu Tran und Vanessa Vu über Schönheitsideale, Rassismus und mediale wie kulturelle Repräsentation von Asiat:innen in Deutschland. Das Interview führte Pia Lobodzinski. 

[kon]: Inwiefern ist Haut ein Thema für Sie?  

R&S: Wir haben uns schon immer Gedanken um unsere Haut gemacht – einfach, weil wir als Minderheit in sehr weißen Kontexten aufgewachsen sind. Unsere Haut hat uns als »anders« markiert. Heute versuchen wir, eine liebevolle Beziehung zu unserer Haut aufzubauen – westliche Schönheitsideale abzulehnen, unsere Haut zu akzeptieren, zu pflegen, ihr dankbar zu sein.   

[kon]:  Die dritte Folge Ihres Podcasts »Rice & Shine« trägt den Titel »Wir Bananen«. Was hat es mit dem Begriff ›Banane‹ auf sich und in welcher Verbindung steht er zum Konzept Ihres Podcasts?  

R&S: Banane ist ein scherzhafter Begriff, den es in der südost- und ostasiatischen Diaspora gibt – »außen gelb, innen weiß«. Er beschreibt diesen Konflikt, den viele spüren: durch ihr Aussehen als ›asiatisch‹ markiert zu sein, innen aber in die weiße Mehrheitsgesellschaft einblenden zu wollen. Unser Podcast dokumentiert auch unsere eigene Auseinandersetzung mit unserer Identität: Am Anfang unserer Arbeit hätten wir uns selbst noch als ›Bananen‹ beschrieben. Mittlerweile haben wir uns davon gelöst – Bezeichnungen wie diese sind viel zu essentialistisch.  

[kon]: Anfang 2019 sprachen Sie mit dem Hamburger Theatermacher Dan Thy Nguyen über ›Yellow-Facing‹ in Deutschland. Diese Praxis geht über gelbe Farbe im Gesicht von Schauspieler:innen und Karnevalist:innen hinaus: Was gehört alles zum ›Yellow-Facing‹ und welche strukturellen Probleme der deutschen Kulturszene offenbart diese offenbart?  

R&S: Yellowfacing ist eine rassistische Praxis. In der Vergangenheit war es auch in Hollywood üblich, dass ostasiatische Charaktere von weißen Schauspieler:innen dargestellt wurden. Dazu wurden die Darsteller:innen geschminkt: Ihre Augen wurden zu »Schlitzen« verengt, ihre Haut gelblich angemalt, außerdem nahmen die Schauspieler:innen oft einen trippelnden Gang und eine lächerliche, nasale Aussprache an. Dass Yellowfacing in Deutschland immer noch verbreitete Praxis in der deutschen Kulturszene ist, zeigt einfach: Die deutsche Kulturszene hat ein großes Problem – sie ist zu wenig divers, zu wenig machtkritisch, zu wenig rassismuskritisch.  

[kon]: Rassismus ist ein wiederkehrendes Thema in Ihrem Podcast. Dabei schauen Sie sich unter anderem die Reproduktion von Vorurteilen gegenüber Asiat:innen in deutschen Medien an. Sie problematisieren 
etwa die zum Teil exotisierende 
Berichterstattung über Deutschvietnames:in-
nen als ›Integrationswunder‹, die auch vom ehemaligen SPD-Politiker und Buchautor Thilo Sarrazin instrumentalisiert wurde. Was sind wiederkehrende Probleme?  
Und hat sich in der Bericht-
erstattung seit Corona etwas verändert? 

R&S: Die vietdeutschen Communities wurden vor allem ab den 2000er Jahren als sogenannte ›Vorzeigeminderheit‹ in den Medien dargestellt – die Kinder seien so gut in der Schule und integriert. Dieses ganze Narrativ ist problematisch, weil es Minderheiten gegeneinander ausspielt. Außerdem schützt es nicht vor rassistischen Attacken. Rechte Gewalt gegen asiatisch gelesene Menschen gibt es schon seit Jahrzehnten im Land. In Hamburg starben im August 1980 zwei Boat People aus Vietnam nach einem rassistischen Brandanschlag, der Anschlag galt als erster rassistischer Mord in der Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg. In den 90er Jahren beispielsweise, als in ganz Deutschland rassistische Gewalt zunahm, gab es ebenfalls rassistische Gewalt gegen Menschen aus Vietnam, wie zum Beispiel beim Terror von Rostock-Lichtenhagen.  

Ich glaube, im Zuge dieser Pandemie haben vor allem jüngere Generationen von asiatisch gelesenen Personen gemerkt, wie schnell eine rassistische Gesellschaft sich auch gegen sie als Mitglieder einer sogenannten Vorzeigeminderheit wenden kann. Die Berichterstattung schürte zu Beginn Ressentiments gegen asiatisch gelesene Menschen, Beschimpfungen und auch Gewalt an asiatisch gelesenen Menschen in Deutschland nahmen wieder zu.  

»Das ostasiatische Schönheitsideal einer ›weißen Haut‹ ist klassistisch aufgeladen.« 

[kon]: Sie problematisieren sowohl 
Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Menschen, wie die eigenen Vorurteile, die jeder Mensch internalisiert hat. Nicht nur, dass Sie im Juni 2020, nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd, komplett das Mikro Schwarzen Frauen überlassen haben – 2018 fragten Sie auch, ob die von Ihnen erlebte Abneigung gegen dunkle Haut durch Asiat:innen nicht rassistisch, sondern klassistisch geprägt ist. Könnten Sie das genauer erklären?  

R&S: Die Frage nach Haut und Hautfarbe ist immer politisch aufgeladen – auch in Ost- und Südostasien gibt es rassistische Ressentiments gegenüber Schwarzen Menschen. Traditionell gilt helle, weiße Haut als makellos, als Zeichen der oberen Schichten – denn Haut kann nur hell bleiben, wenn sie den ganzen Tag vor Sonnenlichteinwirkung geschützt wird, man also nicht auf dem Feld arbeiten muss. Das (ost-)asiatische Schönheitsideal einer ›weißen Haut‹ ist also durchaus klassistisch aufgeladen. Eine andere Ebene ist auch die Orientierung von Schönheitsidealen an eurozentristischen Schönheitsbildern. Diese helle Haut, die von der Schönheitsindustrie propagiert wird, ist für viele süd- und südostasiatische Frauen nicht realistisch, Magazine und Werbung zeigen auch oft weiße Models.  

[kon]: In Ihrem Podcast gibt es die Rubrik »Frage an Asiaten«. Unsere Frage wäre folgende: In Deutschland ist falten- und pickelfreie, gebräunte Haut das Ideal. Gibt es in Vietnam ein vergleichbares Schönheitsideal? Falls ja, woher kommt es und wie wird es heute verbreitet? 

R&S: Die Schönheitsideale für Haut in Vietnam sind immer noch: hell und makellos. Vor allem in Ostasien hat makellose Haut eine womöglich noch höhere Bedeutung als im Westen. Frauen geben viel Geld für Schönheitsprodukte aus, verlassen das Haus nie ohne Sonnenschutz, um hell zu bleiben, aber auch um sich vor Falten zu schützen. Allerdings beobachten wir, dass die Schönheitsideale für Haut in Ostasien sich auch in stetigem Wandel befinden: Es gab in den letzten Jahren einige koreanische Popstars, die ihre dunklere Haut selbstverständlich zeigen, etwa einige Mitglieder der Girlgroup Sistar. Und auch in Vietnam gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Diskussionen darüber, dass auch gebräunte Haut schön ist. Eine der prominentesten Beispiele ist vielleicht das Model H'Hen Niê, das Vietnam bei Miss Universe 2018 vertrat. Niê ist Mitglied der ethnischen Minderheit der Rade und hat dunklere Haut.