»Sie alle legen keinen Wert darauf, bemitleidet zu werden« 

Gudrun Holtz ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet unter anderem als Autorin und Journalistin für Hörfunk und Fernsehen. Im April erschien ihr Bildband „Narben auf der Haut und in der Seele“, der ihre fotografischen Arbeiten mit Menschen und deren Narben versammelt. Im Interview sprechen wir über ihre Motive, besonders prägende Geschichten und darüber, was es bedeutet, neue Identitäten mit Narben zu finden.  

[kon]: Inwiefern ist „Haut“ für Sie ein Thema?

GH: Ich habe aufgrund eines operativen Eingriffs eine Narbe, und das seit meinem neunten Lebensjahr. Dieser Eingriff von damals prägt noch heute, nach 34 Jahren, mein Körperempfinden.  Mit Anfang 20 gärte der Wunsch, etwas Künstlerisches über das Thema Narben zu realisieren, schon seit gut zehn Jahren in mir. Wir alle haben Narben – große oder kleine, unsichtbare oder sichtbare, innere oder äußere.  

In meinem Leben gab es viele positive und auch negative Bemerkungen bezüglich dieser Narbe, und es gab auch Berührungsängste. Aus diesem Grund habe ich Menschen mit Narben auf der Haut fotografiert. Mich interessiert die Wirkungskraft von Narben auf der Haut. 

[kon]:  Für Ihren Bildband sind Sie vier Jahre lang durch Deutschland gereist, um die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Narben zu fotografieren und ihre Geschichten zu sammeln. Gibt es eine Narbengeschichte, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

GH: Ich habe Menschen mit Verbrennungen, Verbrühungen, Kiefer-Gaumen-Spalten, Herzoperationsnarben und vielen anderen Narben fotografiert und mit allen Personen Interviews geführt. Jede Person auf den Fotos muss sich mit der Wirkungskraft, die ihre Narbe auf ihr Umfeld und auf sie selbst hat, auseinandersetzen. 

Sie sehen in meinem Bildband einen jungen Mann, der mit drei Jahren quasi brannte, weil er sich brennendes Zeitungspapier in seinen Pullover gesteckt hatte. Er schaute 10 Jahre nicht in den Spiegel, weil er seinen Anblick nicht ertrug, ging jahrelang nicht ins Freibad, weil er die Blicke seiner Mitmenschen nicht aushielt. Er wurde 31-mal in seinem Leben operiert. Das Selbstbewusstsein eines Menschen ist auch von seinem Körpergefühl abhängig. Die Personen müssen die Wirkung, die ihre Narben auf andere haben, ja aushalten

[kon]:  Ihre Fotografien zeigen ganz unterschiedliche Ausschnitte von Körpern. Manchmal sind sie porträthaft, manchmal ist nur ein Knie oder ein Unterarm zu sehen. Wie entscheiden Sie, welchen Ausschnitt Sie wählen? Hängt es von der Narbe oder der Geschichte ab?

GH: Jeder Mensch hat seine eigene Stelle am Körper, an der er eine Narbe trägt. Danach habe ich die Körperteile ausgesucht, die ich fotografierte. Es gab auch zwei Personen, die jeweils ihr Gesicht nicht fotografiert haben wollten. 

 

 

[kon]:  In Narben verdichtet sich ein Erlebnis auf ein einziges Zeichen, das gleichzeitig verbirgt und zeigt. Wie sind Sie in Ihren Fotografien damit umgegangen? 

GH: Es sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Schicksalen und Lebensläufen. Ihre Narben lösten bei mir Fragen aus, was geschehen war und wie sie damit zurechtkamen. In diesen Geschichten führen zwar die Narben zu den Traumata, aber es wird sichtbar, dass die Haut vor allem ein sinnliches, verletzbares Organ ist, eine Grenzfläche zwischen Selbst und Welt, ein Ort der Ich-Bildung. 

 Wie kommen Menschen mit der Situation zurecht, wenn sie aufwachen, in den Spiegel gucken und sich selbst nicht mehr wiedererkennen? Nichts in ihrem Leben ist mehr so, wie es vor dem Unfall war. Einigen der im Bildband zu sehenden Personen ist es aufgrund von Brandunfällen genauso ergangen. Wieder andere wussten, dass sie nach einer Herzoperation mit einer Narbe auf dem Oberkörper erwachen würden. Die Fotos zeigen Lebensbejahende, Hoffende, die selbst dann eine Chance sehen, wenn die Situation ausweglos erscheint. Alle Personen haben es geschafft, ihre neue Identität in ihr Leben zu integrieren. Aber jeder neue Tag heißt auch noch immer Abschied nehmen von ihrer alten Identität und offen sein für einen neuen unbekannten Lebensabschnitt. Was es für sie bedeutet, seelische und körperliche Schmerzen, Überlebensängste, Operationen zu ertragen, und wie sie die Nähe zu Mitmenschen, das Berufsleben und die Freizeit gestalten, sehen wir in diesen Fotografien.  

Der Bildband möchte eine Brücke schlagen zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. Sie alle legen keinen Wert darauf, bemitleidet zu werden, vielmehr wollen sie in ihrer schillernden Identität wahrgenommen sein, zu der auch ihre vernarbten Körperteile in ästhetisch-bildhafter Weise gehören. 


[kon]: Wenn Ihnen Menschen von ihren Narben erzählt haben: An welchem Punkt einer Geschichte kam die Narbe ins Spiel? Gleich zu Beginn, in der Mitte oder am Ende? 

GH: Erst wurde erzählt, dann die Narbe gezeigt, das heißt wenn ein Kleidungsstück dafür ausgezogen werden musste. Also: Das eine ging nicht ohne das andere. 

[kon]:  Fotografie, besonders von Haut, hat immer ein intimes Moment. Haben sich Menschen anders zu ihren Narben verhalten, sobald Sie die Kamera in die Hand genommen haben? 

GH: Ab dem Zeitpunkt, als ich mit dem Fotografieren der Menschen begann, waren sie sehr entspannt und lustvoll. Sie spielten mit ihren Körpern vor der Kamera. Die Fotos fanden unter schnappschussartigen Bedingungen statt, z. B. in Umkleidekabinen oder Behandlungszimmern von Krankenhäusern. Die Interviews beanspruchten übrigens mehr Zeit als das Fotografieren. Ich habe kein Atelier oder Fotostudio. 

»Diese Schicksale kommen ohne künstliche Ästhetisierung aus« 

Zu Beginn war es gar nicht so leicht, Menschen zu finden, die sich fotografieren lassen wollten, denn während dieses Arbeitsprozesses mussten sich alle noch einmal mit ihrer Wunde auseinandersetzen. Irgendwann gab es einen Wendepunkt im Arbeitsprozess, und das Projekt wurde ein Selbstläufer, es meldeten sich etliche Personen, und bis heute werde ich gefragt, ob ich die Narbe eines Menschen fotografieren könnte.  Mir wurde vor Jahren bewusst, dass das Thema an die Öffentlichkeit will. Es ist ein facettenreiches Bild menschlicher Schicksale, das vollkommen ohne künstliche Ästhetisierung auskommt.